Talk mit Thomas Härry

Von der dunklen Seite der Macht

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Thomas Härry (Bild: Livenet)
Nur wer weiss, was seine Macht und auch Führungsqualität bedroht, kann sich davor schützen und seinen Einfluss auf Gottes Weise geltend machen. Darüber spricht Bestsellerautor Thomas Härry mit Florian Wüthrich im Livenet-Talk.

«Führung ist immer gefährdet», stellt Thomas Härry fest. Er muss es wissen, denn der Bestsellerautor und Theologiedozent berät seit vielen Jahren Führungskräfte. «Von der dunklen Seite der Macht» ist sein aktuelles Buch zum Thema. Im Gespräch mit Florian Wüthrich berichtet er, wie das Buch entstand.

Dazu müssen wir etwas schreiben

Im Herbst 2018 waren Thomas Härry und Michael Herbst als Sprecher auf einem Willowcreek-Kongress. Auch Bill Hybels war dort. Nur wenige Wochen später wurden die Missbrauchsvorwürfe gegen den prominenten US-Pastor bekannt. Die beiden Autoren wurden von Gerth Medien gefragt, ob sie ein Buch über umkämpfte Führung schreiben bzw. herausgeben würden. «Das war eine etwas kurzfristige Geschichte», meint Härry. Er stand damals gerade kurz vor einem Sabbatical und konnte einen Teil dieser Zeit fürs Buchprojekt nutzen. Gescheiterte Grössen wie Bill Hybels sind allerdings eher Aufhänger als Thema des Buches, denn darin geht es um Macht im kirchlichen Raum und einen konstruktiven Umgang mit ihr.

Wenn das Scheitern leise kommt

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Thomas Härry im Livenet-Talk (Bild: Livenet)
Härry unterstreicht im Gespräch, dass dieselben Abstürze in Europa vorkommen und verweist auch auf das «leise Scheitern», wo Führungskräfte ihre Leitungsaufgabe nur halbherzig wahrnehmen, wo sie ihre Zeit vertrödeln oder sich nicht um anvertraute Menschen kümmern. Mit diesem Verhalten schafft man es als Leiter nicht in die Medien, aber man ruiniert seinen Dienst trotzdem und schadet den betroffenen Menschen. Sein Wissen darüber hat er nicht nur als Pastor und Dozent gewonnen, sondern auch «aus meinem eigenen Leben».

Schwierig ist besonders ein Abblocken von Kritik entweder «als inkompetentes Laiengeblök oder diabolische Anfechtung». Denn wer andere nicht ernst nimmt oder sie mit pseudogeistlichen Argumenten auf Abstand hält, verpasst die Chance, an ihrer Kritik zu reifen. Dasselbe gilt für den Umgang mit den eigenen blinden Flecken. Der erste Schritt ist für Thomas Härry immer das Eingeständnis: «Ich habe sie – und ich nehme sie nicht wahr.» Allein dieses Bewusstsein hilft schon, selbstkritisch zu werden. Zu viel Selbstkritik bremst nur aus, aber ein gesundes Mass zeigt Leitenden: «Sei dir nicht so sicher in dem, was du sagst und tust.» Dazu muss man allerdings Andere an sich heranlassen.

Leitung macht nicht einsam

Das Klischee sagt, dass Leiter einsam werden. Hier widerspricht Härry energisch. «Ich kann jemanden haben, der mir ein Gegenüber ist. Das ist meine Entscheidung!», stellt er klar. Auch dies ist ein Thema des Buches: als Leiter Korrektur zu suchen und als Kirche oder Organisation Rechenschaft einzufordern. Dabei helfen demokratische Strukturen, transparente Abläufe und nicht zuletzt Ombudsstellen, an die sich Menschen vertraulich wenden können, wenn es Probleme gibt.

Wie solch ein gemeinsames Tragen von Verantwortung aussehen kann, erzählt Härry im Interview. Regelmässig trifft er sich mit drei anderen Männern, und dabei thematisieren sie auch persönliche Fragen. Als er beim letzten Mal um Feedback bat, ob den Dreien bei ihm etwas Negatives auffiel, meinten sie: «Ja, es gibt da so einen Zug an dir, dass du manchmal zynisch über andere sprichst.» Das sei unangenehm gewesen, aber sehr hilfreich.

Macht ist cool

Herausgeberkollege Michael Herbst verkündet im Buch: «Macht ist cool.» Und diese provozierende Wirkung von Macht unterstreicht auch Thomas Härry. «Macht ist nicht verkehrt. Sie ist Einfluss, den Gott schenkt.» Erst ihr Ziel zeigt, ob sie Menschen stärkt und Reich Gottes baut oder Menschen beschädigt, weil sie destruktiv ist.

Dass Macht nicht mit Gewalt gleichzusetzen ist, unterstreicht für ihn Martin Luther King, der ebenfalls im Buch zitiert wird: «Macht ohne Liebe ist fahrlässig und missbräuchlich, aber Liebe ohne Macht ist sentimental und blutleer. Aber in ihrer besten Form ist Liebe Macht, die der Gerechtigkeit zum Sieg verhilft.»

Sehen Sie sich hier den Livenet-Talk an:

Zum Thema:
Wenn Glaube oberflächlich ist: Livenet-Talk: «Echt und stark» mit Thomas Härry
Livenet-Talk mit Thomas Härry: Erfahrungen über das normale Mass hinaus
Leiten mit Charakter: Buchtipp: «Von der dunklen Seite der Macht»

Datum: 09.02.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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