Umgang mit Kritik

Christen werden nicht verfolgt – bei uns

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Kirchen in Zürich (Bild: Pixabay)
Weltweit gesehen sind die christlichen Kirchen durchaus unter Beschuss. Doch die Kritik, die sie hierzulande erfahren, hat nichts mit Verfolgung zu tun. Es ist einfach Kritik. Und an dieser können und sollen Kirchen und Gemeinden wachsen.

Jedes Jahr gibt das überkonfessionelle Hilfswerk Open Doors seinen «Weltverfolgungsindex» heraus. Das ausführliche Papier beleuchtet, wo auf der Welt Christinnen und Christen um ihres Glaubens willen verfolgt werden. Dabei werden Entwicklungen aufgezeigt und strukturelle oder staatliche Verfolgungen benannt, gleichzeitig erhält der abstrakte Begriff «Christenverfolgung» durch beschriebene persönliche Schicksale ein Gesicht. Der nächste Weltverfolgungsindex wird in Kürze erscheinen, am 19. Januar 2022.

Diese ausführliche Darstellung hat hauptsächlich zwei Folgen. Die erste ist die Solidarisierung mit unterdrückten und verfolgten Menschen – das ist ihr Ziel. Die zweite ist der Blick in den Spiegel und die Schlussfolgerung: «Eigentlich werde ich genauso verfolgt.» – Und das ist meistens nicht der Fall.

Religiöse Verfolgung

Von Beginn an wurden die Nachfolgerinnen und Nachfolger von Jesus verfolgt. Das begann mit Verfolgungen im Römischen Reich und setzt sich bis heute fort. Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte schätzt, dass sich 75 bis 80 Prozent der Menschen, die momentan aufgrund ihres Glaubens verfolgt werden, zum Christentum bekennen. Ihre Verfolgung äussert sich sehr konkret in physischer oder psychischer Gewalt, staatlicher Diskriminierung, unverhältnismässiger juristischer Bestrafung und ähnlichen Punkten.

Gleichzeitig traten im Laufe der Zeit auch christliche Kirchen als Verfolgende auf. Wo sie an der Macht waren, unterdrückten sie sowohl andere Religionen als auch andersdenkende christliche Gläubige.

Situation der westlichen Kirche

Kirchen und Gemeinden in Westeuropa sind momentan nicht in der Lage, anders glaubende Menschen zu verfolgen. Sie mögen sich in einzelnen Fällen einzelnen Menschen gegenüber ungerecht verhalten, aber mehr auch nicht. Ähnliches kann man auch andersherum bemerken. Mit Sicherheit gibt es Ungerechtigkeiten oder Unstimmigkeiten im Umgang mit christlich geprägten Menschen, aber es gibt keine wirkliche Verfolgung. Dies ist wohlgemerkt die Lage in Westeuropa – in China oder der Türkei sieht das ganz anders aus.

Trotzdem ist die Wahrnehmung manchmal eine andere. Sensibilisiert durch Nachrichten aus der ganzen Welt sprechen Christinnen und Christen von «Verfolgung», wenn ein Arbeitgeber einer Krankenschwester untersagt, mit Patienten zu beten; wenn die lokale Zeitung sich weigert, einen eingesandten Artikel zum Thema Lebensrecht abzudrucken; wenn eine evangelistische Ansprache in der Fussgängerzone aufgelöst wird, weil sie nicht angemeldet wurde; wenn Menschen sich weigern zuzuhören, obwohl man ihnen gerade von Jesus erzählen möchte. Doch die hier gezeigten Situationen lassen sich – wie fast alle anderen – als Desinteresse, abweichende Meinung, Missachtung oder auch kritische Haltung beschreiben. Mit einer substanziellen Verfolgung haben sie kaum etwas zu tun.

Umgang mit Kritik

Natürlich tut es weh, wenn man als Christin oder Christ sein Herzensanliegen in Worte fasst und dabei keine Beachtung bekommt oder abgelehnt wird, aber diese ablehnende Haltung lässt sich meist unter dem Oberbegriff «Kritik» zusammenfassen – und damit lässt sich umgehen.

  • Emotionale Reaktionen führen meistens nur von der eigenen Verletzung zu der des Gegenübers. So lässt sich vielleicht ein Schlagabtausch gewinnen, aber kein Mensch.
  • Gegenüber unberechtigter Kritik oder falschen Erwartungen können Kirchen und Gemeinden zusammenrücken und sich auch gegenseitig verteidigen. Hier gilt es, schlüssig zu argumentieren.
  • Vielfach ist Kritik jedoch berechtigt. Nach einem ersten Schrecken ist es dabei hilfreich, zuzuhören und sich korrigieren zu lassen. Auch und gerade von «Ungläubigen». Tatsächlich kann jede sinnvolle Überprüfung und Kritik nur von aussen erfolgen – das weiss jede Wirtschaftsprüferin, die ein Unternehmen unter die Lupe nimmt.
  • Manchmal ist Kritik nicht nachvollziehbar. Dann hat ein anderer Mensch eben eine andere Meinung. Das fühlt sich zwar nicht besonders gut an, ist aber völlig normal.

Gottes Kritik

Dazu kommt noch ein wichtiger Faktor: Wer zu schnell eine Verfolgung hinter Schwierigkeiten und unbequemen Äusserungen anderer entdeckt, übersieht, dass Gott selbst das Anliegen hat, dass seine Gemeinde sich weiterentwickelt. Dies geschieht auf der einen Seite durch Fördern und Wachstum, auf der anderen Seite aber durch das Aufdecken von Problemen. Der Apostel Paulus erklärte dieses Handeln Gottes mit einem eindrücklichen Bild: «Denn einen anderen Grund kann niemand legen ausser dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus. Wenn aber jemand auf diesen Grund Gold, Silber, kostbare Steine, Holz, Heu, Stroh baut, so wird das Werk eines jeden offenbar werden; der Tag wird es zeigen, weil es durchs Feuer geoffenbart wird. Und welcher Art das Werk eines jeden ist, wird das Feuer erproben.» (1. Korinther, Kapitel 3, Vers 11-13)

Kann es sein, dass viele Schwierigkeiten von westlichen Christen nur das sind: eigene Fehlbauten, die im «Feuer» keinen Bestand haben? Es gibt Verfolgung, und die soll nach wie vor so benannt werden. Aber in unseren Breiten ist es meistens nur eine andere Meinung – und daran können Christinnen und Christen wachsen.

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Datum: 06.01.2022
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

Kommentare

Es scheint gerade so, als gäbe es im Westen nichts zwischen Verfolgung und berechtigter Kritik. Der Begriff Diskriminierung, der im Artikel nur auf die weltweite Situation angewendet, deckt jedoch das breite Feld dazwischen recht treffend ab. Livenet hat schon oft genug über Diskriminierung von Christen im Westen berichtet, die sich gegen gewisse gesellschaftliche Entwicklungen aussprachen und deshalb ihrer Arbeitsstelle und anderem verlustig gingen. Ist das schon Verfolgung? Eher nicht, aber Diskriminierung allemal. Wenn die EKD schon Leute auszeichnet, die Gott selbst als queer bezeichnen, geht die Ausgrenzung munter weiter, und in ihrem Gefolge die Diskriminierung.

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