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Pilgern – unterwegs, um Gott zu begegnen

Pilgern ist in. Schon eine ganze Weile. Wer dies noch nicht bemerkt hatte, weiss es spätestens seit dem Bestseller des Entertainers Hape Kerkeling von 2006, «Ich bin dann mal weg». Über vier Millionen mal verkaufte sich das Buch mit den irgendwo zwischen Slapstick und Sinnsuche angesiedelten Erlebnissen des Fernsehstars. Dann wurde es sogar verfilmt. Doch was zieht Menschen auf staubige Pilgerwege?

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Ausschnitt aus «Ich bin dann mal weg»
Klar ist, dass Kerkelings Buch die aktuelle Pilgerwelle nicht begründet hat. Der damals schon internationale Boom brachte ihn auf die Idee, nach Santiago de Compostela zu wandern. Zweifellos hat sein Ausstieg auf Zeit aber viele zum Nachmachen inspiriert, denn die Zahlen der Pilger sind nach 2006 deutlich angestiegen.

Nicht religiös und doch religiös

Früher pilgerten Menschen fast ausschliesslich aus religiösen Motiven – und zwar in praktisch jeder Religion, nicht nur im Christentum. Inzwischen sind die Ziele breiter gefächert: Man will den Kopf freibekommen, den Alltagsstress ablegen, einfach einmal raus. Schon der Humanist Sir Thomas More meinte im 16. Jahrhundert anerkennend: «Es kommt niemals ein Pilger nach Hause, ohne ein Vorurteil weniger und eine neue Idee mehr zu haben.» Egal, wie profan sich die Motivation heutiger Pilger anhören mag: Interessanterweise werden die meisten irgendwo unterwegs von Gott eingeholt. Pilgern ist scheinbar eine zutiefst spirituelle Handlung mit hoher Eigendynamik.

Missbrauch gab's schon immer

Luther hielt das spätmittelalterliche Pilgern für «Narrenwerk». Damals gab es professionelle Pilger, die sich von Reichen dafür bezahlen liessen, deren Pilgerfahrten zu machen oder Gelübde zu erfüllen. Andere nutzten die Vorrechte der Pilger für sich aus: Zollfreiheit und kostenlose Übernachtungsquartiere. Über den Jakobsweg nach Santiago de Compostela spottete der Reformator daher: «Lauf nicht dahin, man weiss nicht, ob Sankt Jakob oder ein toter Hund daliegt.» Obwohl das Pilgern deswegen in manchen protestantischen Regionen sogar verboten wurde, hörte es nie ganz auf. Und mit der Individualisierung – jeder legt Dauer, Ziel und Anliegen seiner Reise selbst fest – ist es endgültig im Heute angekommen. Und gleichzeitig wieder bei seinem Ursprung, denn die irischen Mönche des frühen Mittelalters, die mit dem Pilgern begannen, wanderten noch nicht zielgerichtet nach Rom, Jerusalem oder Santiago de Compostela, sie waren einfach unterwegs.

Der Luxus des Einfachen

Hippokrates, der bekannte Arzt der Antike, sagte: «Gehen ist des Menschen beste Medizin.» In unserer heutigen Zeit, wo Fortbewegung längst nicht mehr ans Laufen gebunden ist, bedeutet Selberlaufen eine Art Luxus des Einfachen. Wer sich eine ganzheitliche Bewegungskur für Leib und Seele verschreibt, sich entschleunigt, zu Fuss geht, entdeckt plötzlich tausend Dinge, an denen er sonst im Alltag vorbeirast. Er entdeckt die Stille. Er entdeckt andere und sich selbst. Er wird zum Neugierigen, zum Fremden, zum Pilger.

Pilgern als geistliche Übung

Wer mit aller Gewalt ein Gotteserlebnis sucht, wird es beim Pilgern wahrscheinlich gar nicht finden. Hape Kerkeling beschreibt die klassischen christlichen Pilger mit hoher Erwartungshaltung an sich selbst folgendermassen: «Die werden als die gleichen Menschen die Reise beenden, als die sie sie begonnen haben…» Wie bei anderen geistliche Übungen, beispielsweise dem Fasten oder Beten, funktioniert die geistliche Ebene auch beim Pilgern nicht auf Knopfdruck. Aber wer sich selbst und Gott beim Wandern oder Pilgern einfach Zeit gibt, der sieht mit Sicherheit viel schöne Natur. Vielleicht erfährt er auch eine besondere Begegnung mit Gott. Und wenn es nur das gewachsene Bewusstsein ist: «Gott, ich bin gemeinsam mit dir unterwegs. Du bist einfach immer da.»

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Datum: 18.04.2018
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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