Lebendige freikirchliche Szene

Ukraine hofft auf die Kirchen nach dem Krieg

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Baptistengemeinde in der Ukraine (Bild: Wikimedia)
In der Ukraine hat seit der Wende vor über 30 Jahren eine Vielfalt junger evangelischer Freikirchen Fuss gefasst. Sie wurden von den traditionellen Kirchen als westliche Fremdkörper betrachtet. Das hat sich mit der russischen Invasion geändert.

Schon im Winter 2013/14 haben die «Maidan»-Kundgebungen am Hauptplatz von Kiew gegen die bereits damals drohende Rückkehr der russischen Vorherrschaft gezeigt, dass die neuerweckten charismatischen Christen von Orthodoxen und Katholiken religiös und sozial vollwertig angenommen sind. Von Europas «lebendigster freikirchlicher Szene» sprach der US-Religionssoziologe José Casanova. Er war auch bei den Maidan-Protesten präsent.

Christliche Aktivisten auf dem Maidan

Dazu gehörten Pastoren der Lutheranischen Kirche und die in der Ukraine als Nachkommen schweizerischer und niederdeutscher Täufer alteingesessenen Mennoniten. Ebenso baptistische Gemeindeälteste – Erben der 1869 von ihrem kontinentaleuropäischen Gründungsvater Johann Gerdard Oncken in die Ukraine unternommenen Missionsreise. In der Mehrzahl waren es jedoch jugendliche Aktivisten aus der neuen charismatischen Erweckung an Dnjepr und Don.

Bereits am Maidan zeigte sich, dass die Gegebenheiten in der Ukraine weithin der religiösen Vielfalt in den USA gleichen. Bei dieser «Revolution der Würde» waren mindestens 500 freikirchliche Pfarrer über den ganzen Platz verstreut. Die Pfingstkirche der «Gesandtschaft Gottes» hatte sogar eine eigene Tribüne errichtet, auf der gebetet und gesungen wurde. Es handelt sich um eine der grössten und einflussreichsten charismatischen Kirchengründungen in der Ukraine.

Wurzeln von Nigeria bis Korea

Ihre erfolgreiche Entwicklung unter Sunday Adelaja, einem Pastor aus Nigeria, zeigt, dass der gerade aus Russland erhobene Vorwurf von «amerikanischen Propagandasekten» für die osteuropäischen Pfingstchristen nicht zutrifft. Ihre Wurzeln reichen – besonders in der Ukraine – in alle Welt, sogar bis nach Korea. Starke Pfingstgemeinenden aus koreanischer Missionstätigkeit finden sich vor allem in südukrainischen Städten, wo sie nicht selten sogar die Bürgermeister stellen.

Freikirchen in der Ostukraine schon heute diskriminiert

Der heutige Krieg mit Russland und seine Verheerungen gleicht einem Feuersee, in dem die Freikirchen mit den anderen christlichen Gemeinschaften zusammengeschmiedet werden. Was für ein Los ihnen allen droht, wenn Moskau die Ukraine militärisch, politisch und auch religiös seiner «Staatsorthodoxie» unterwerfen sollte, zeigt die Lage in den ostukrainischen Gebieten am Don, wo die Russisch-orthodoxe Kirche praktisch ein Monopol erhalten hat.

Schon 2018 wurden dort alle christlichen Gemeinschaften, die nicht dem Moskauer Patriarchat unterstellt sind, zur Neuregistrierung aufgefordert. Als jedoch im Jahr darauf 195 neu erstellte «Kirchenlizenzen» bekannt wurden, befand sich darunter keine einzige Freikirche. Sie sind damit in die Illegalität verbannt. Das bedeutet ein Verbot von Gottesdiensten und sogar biblischen Texten wie der Offenbarung des Johannes. Prediger werden verhaftet, kirchlichen Gebäuden der Strom und das Wasser abgedreht.

Hoffen auf die Freikirchen

Allgemein setzen aber Ukrainerinnen und Ukrainer für die Zeit nach der befürchteten Niederlage, dem Zusammenbruch ihrer militärischen Verteidigung und der Auflösung aller eigenen Administrationen durch die Russen ihre einzige Hoffnung auf die Kirchen. Besonders auf Freikirchen, die sich in Hausgemeinschaften und im Untergrund dem Zugriff der neuen Machthaber aus dem Kreml besser entziehen können als die auffälligen Grosskirchen.

Beispielhaft dafür das frühe Wirken von Sunday Adelaya, der 1986 als Student getarnt in die Sowjetukraine gekommen war. Zwar wurde ihm bald die Abschiebung wegen religiöser Aktivitäten angedroht, doch er verschwand im Untergrund. Gegen alle Repression konnte er dort die «Gesandtschaft Gottes» entfalten. Ähnliches gelang den kleinen, aber agilen Methodisten. So erhofft auch jetzt die Ukraine von ihren Freikirchen, dass sie das Licht des Glaubens und der Freiheit selbst unter einer Herrschaft des Wladimir Putin nicht ausgehen lassen!

Zum Thema:
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Datum: 30.03.2022
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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