Suchtprävention

Fachstelle kritisiert einseitigen Appell an Eigenverantwortung

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Jugendliche rauchen und trinken wieder mehr. Die Zahlen von «Sucht Schweiz» fanden breite Beachtung. Doch die Folgerungen daraus hatten in den meisten Meldungen und Sendungen keinen Platz.

Die Fachstelle kritisiert nach ausführlicher Darlegung der aktuellen Situation die Tendenz in der Politik, den Fokus ausschliesslich auf die Jugendlichen zu richten. Denn erstens orientierten sich die Jugendlichen an der Erwachsenenwelt und zweitens sei die suchtmittelbedingte Problematik hauptsächlich auf das Konsumverhalten der Erwachsenen zurückzuführen. Sie folgert daraus: «Die Suchtprävention und -politik muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden, für die sämtliche Akteure – die Konsumierenden, der Staat wie auch die Wirtschaft Verantwortung tragen.»

Eigenverantwortung als Ausrede...

Eigenverantwortung sei wichtig, aber nicht alle hätten die gleichen Voraussetzungen, so Sucht Schweiz. Als Beispiel erwähnt sie die Forderung, dass Koma-Trinker die medizinischen Kosten der Ausnüchterung selbst bezahlen sollten, obschon weniger als zehn Prozent der wegen Alkoholvergiftung hospitalisierten Personen Jugendliche seien.

Das Argument der Eigenverantwortung werde zunehmend nicht nur in industrienahen, sondern auch in gesundheitspolitischen Kreisen populär, während die Verantwortung der Gesellschaft und Politik trotz zunehmender Deregulierung des Marktes vernachlässigt werde. 
Konkret: Die rund 100'000 Kinder, welche in der Schweiz in einer suchtbelasteten Familie aufwachsen, tragen ein bis zu sechs Mal höheres Risiko, später selber suchtkrank zu werden. Sie können es sich nicht aussuchen, ob sie mit Suchtproblemen konfrontiert werden oder nicht. Hier müsse die Gesellschaft Voraussetzungen schaffen, damit Kinder zu gesunden, eigenverantwortlichen Bürgern und Bürgerinnen heranwachsen können.

Häufig blockiert aber laut der Medienmitteilung von Sucht Schweiz die Politik gesundheitsförderliche Investitionen mit dem Argument der Eigenverantwortung. Diese von anderen zu fordern, ohne die eigene Verantwortung gegenüber Minderjährigen oder gefährdeten Gruppen wahrzunehmen, sei nicht vertretbar.

Persönliche Freiheit ist nicht dasselbe wie Marktfreiheit

Das Argument, dass regulierende Massnahmen die Eigenverantwortung und persönliche Freiheit einschränken, greife zu kurz: «Es geht nicht darum, den Substanzkonsum zu verbieten oder Konsumierende zu stigmatisieren. Wichtig sind Rahmenbedingungen, die gesundheitskompetentes Handeln und nicht den Konsum fördern.» Gründe, solche zu schaffen, gäbe es genug: «Die mehr als 10'000 Toten und zehn Milliarden Franken Folgekosten verdeutlichen, dass es sich auch bei den legalen Suchtmitteln nicht um gewöhnliche Konsumgüter handelt.»

Aktuelle Befragungen zeigen laut Sucht Schweiz, dass ein Verbot der Tabakwerbung oder Massnahmen gegen Spottpreise beim Alkohol von der Mehrheit der Bevölkerung befürwortet werden. Für die meisten seien diese Massnahmen kaum spürbar, hingegen würden sie junge Menschen und solche mit problematischem Konsum schützen. Zudem scheine es vielen widersprüchlich, dass Jugendliche von den Risiken des Rauchens überzeugt werden sollen und gleichzeitig die Tabakwerbung an jugendtypischen Orten wie Festivals oder in sozialen Medien Freiheit und Coolness verspricht.

Hoffen auf Einsicht der Politiker

Das neue Tabakproduktegesetz, das dieses Jahr beraten wird, bietet laut der Suchtfachstelle eine Chance, diese Widersprüche zu beseitigen. Auch bei der Regulierung des Geldspielmarktes erhalte das Parlament die Möglichkeit, die Interessen der Gesundheitspolitik mit jenen der Wirtschaft ins Gleichgewicht zu bringen, indem die ursprünglich vorgesehene Stärkung des Spielerschutzes wieder integriert werde. 
Dabei warnt die Fachstelle auch vor einer Legalisierung von Cannabis. Die Erfahrungen mit Deregulierungen im Alkohol- und Tabakproduktemarkt lehrten, dass ein marktwirtschaftlich ausgerichtetes Cannabismodell, wie es gegenwärtig in den USA umgesetzt wird, wenig im Interesse der Suchtprävention sein könne. Genauso wenig im Sinne einer kohärenten Suchtpolitik sei es, «wenn ein Produkt wie Tabak, das stündlich einen Menschen tötet, immer noch mit Werbung gefördert werden kann, während bei illegalen Drogen bereits der Konsum ein Delikt darstellt.» Somit bleibe zu wünschen, dass die Suchtpolitik weniger ideologisch, sondern auf sachlichen Analysen der bisherigen Erfahrungen basiere.

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Datum: 11.02.2016
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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