Beten für Syrien

Die Wiege der Christenheit wird erschüttert

Viele syrische Christen wollen eigentlich in ihrer Heimat bleiben. Doch ihre Daseinsberechtigung schwindet. In Syrien, der Wiege der Christenheit, wird durch Dschihadisten und Stellvertreterkriege bedrohlich an den Wurzeln der Christenheit gerüttelt.

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Tausende Syrer mussten aufgrund des anhaltenden Konflikts ihr Land verlassen.
«Syrien ist das erste Land, in dem die Nachfolger Jesu 'Christen' genannt wurden», so M. Schwab, Projektleiter Nahost beim Hilfswerk «HMK Hilfe für Mensch und Kirche» in Thun. Nämlich im damaligen Antiochien, das damals syrisch war, heute aber in der Türkei liegt. «Syrien war bis vor den Unruhen das intellektuelle Zentrum in der arabischen Welt. Die arabische Zivilisation entstammt Syrien.» Wegen der Bürgerkriegswirren sei die Nation mittlerweile völlig heruntergekommen. «Hunger grassiert, selbst Katzen werden gegessen, auch wenn sie nicht halal (nicht rein) sind.»

Weit mehr als ein Viertel der syrischen Christen hätte mittlerweile das Land verlassen, ein Exodus, ähnlich jenem im Irak, ist nun eingetreten.

Peitschenhiebe und Dschihad-Tourismus

Schwab berichtet von einer Fatwa (Rechtsauskunft) in der Stadt Aleppo, die drastische Sanktionen jenen Männern androht, die sich rasieren. «Wer sich rasiert, wird mit 50 Peitschenhieben bestraft. Wer erneut erwischt wird, dem drohen erneut Peitschenhiebe oder der Tod. In Aleppo reisten neulich aus Kasachstan 400 Männer für den Dschihad ('heiliger Krieg') ein. Sie sind nicht gekommen, um Gespräche zu führen, sondern um zu töten und zu sterben.»

Stellvertreterkriege

In Syrien würden mittlerweile auch Stellvertreterkriege ausgetragen. Auch zwischen sunnitischen Kämpfern. Die Opposition führt die «Freie Syrische Armee» an. Eigentlich stehen an ihrer Seite Dschihadisten (Gotteskrieger), die aber andere Ziele verfolgen; insbesondere ein Kalifat auf syrischem Boden. «Sie setzen sich unter anderem zusammen aus Salafisten, die von den Saudis unterstützt werden und Muslimbrüdern, die von Katar betucht werden.» Und auch diese zwei prägenden Strömungen konkurrieren sich.

Ursprünglich christliche Länder geben Wurzeln auf

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Konflikt in Syrien
Dazu kristallisiert sich nun zusehends ein Machtkampf zwischen Schiiten und Sunniten heraus, der unter einem wieder erstarkten Iran an Intensität gewinnt. «Im Nahen Osten existiert mittlerweile eine Art schiitischer Sperrgürtel, der von Iran quer durch Syrien und dank der Hisbollah im Südlibanon bis ans Mittelmehr reicht.» Der Dschihad-Tourismus wird durch diese Rivalität befeuert.

Im Nahen Osten seien die orientalischen Christen noch nie so existenziell bedroht gewesen wie jetzt. Schwab: «Das ist sehr tragisch. Es ist die Wiege unseres Glaubens und des Christentums. Auch eine der ältesten Kirchen der Welt, die im Jahr 59 nach Christus in Homs errichtet wurde, ist komplett zerstört worden. Ebenfalls andere christliche UNESCO Weltkulturgüter. Oft waren es keine zufälligen Kollateralschäden, sondern bewusst gewählte Ziele.» Verglichen mit den zerstörten Buddha-Statuen in Afghanistan sei der Aufschrei des Westens weitgehend ausgeblieben. Verschiedentlich habe er von syrischen Christen gehört: «Hier werden wir verschaukelt. Die westlichen Länder geben offensichtlich ihre christlichen Wurzeln, die auch in Syrien liegen, auf. Wir wissen, dass wir uns auf niemanden verlassen können.»

Geistliche Offenheit

Doch es gibt auch eine gute Nachricht. Schwab erklärt: «Die Gemeinde in Syrien lebt trotz allem Leid. Und sie ist so voll wie nie zuvor, gerade auch mit jungen Menschen.» Die Orthodoxen bitten die evangelischen Gemeinden um Tipps und Hilfe. «Vorher waren sie eher zerstritten. Nun wollen die Konfessionen Hoffnung teilen und sich nicht im Selbstmitleid wälzen.»

Ein hoher Beamter im Kurdengebiet im Norden des Landes habe ihn gebeten: «Sage im Westen, dass wir uns vergessen fühlen. Wir wollen keinen Krieg.» Ein anderer Offizieller der Peschmerga bat darum, dass christliche Kirchen eröffnet werden sollen, die auch für ihn als Muslim offenstehen. Es sei eine grosse geistliche Offenheit da. Einheimische christliche Leiter würden bleiben, um einen Unterschied zu machen, so M. Schwab. Gleichzeitig ist grosse Angst vorhanden, weil im Norden Öl ist und die Islamisten zusehends in diese Richtung der Kurden und Christen vordringen.

Christen möchten bleiben

«Auf die Frage nach ihrer Zukunft sagen viele Christen, dass sie bleiben möchten», bemerkt der HMK-Projektleiter für Nahost. «Sie sagen, dass die grösste Gefahr der rechtsfreie Raum sei, wo keine staatliche Macht da ist, welche die Rechte der Minderheiten schützt. Die meisten Christen sagen, Assad respektierte zumindest diese Minderheitenrechte. Denn er vertritt kein religiöses Regime, sondern eine säkulare Minderheitenregierung.»

Teils fliehen Christen ins kurdische Autonomiegebiet im Norden. In islamistisch dominierten Gegenden schwindet die Daseinsberechtigung für syrische Christen zunehmend, unter anderem wegen immer neuer, strenger Fatwas (islamische Rechtsauskünfte). «Die Kurdischen Führer hingegen haben in der Regel kein Problem mit anderen Religionen in ihren Autonomiegebieten. Sie äussern sich gegenüber Christen sogar sehr tolerant und sind ihnen friedlich gestimmt, im Gegensatz zu den leider auch vom Westen unterstützten sunnitisch-arabischen Rebellen, vor denen sie sich fürchten. Gründe dafür sind, dass sie als Kurden in diesen Gebieten schon lange problemlos mit assyrischen Christen zusammenleben und gemeinsam an eine Zukunft im Frieden glauben.»

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Datum: 09.05.2014
Autor: Daniel Gerber
Quelle: Livenet

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