Sahag II. Maschalian

Ein «evangelikaler» Patriarch für die Armenier in der Türkei

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Der neue Patriarch wurde in einer Pfingstgemeinde bei Istanbul erweckt und predigte dort zum ersten Mal als 20-Jähriger vor Jugendlichen. Seine Erfahrungen könnten die armenische Kirche in der Türkei verändern.

Mit Sahag II. hat die armenisch-apostolische Kirche in der Türkei nach jahrelanger, krankheitsbedingter Amtsunfähigkeit seines Vorgängers seit Mitte Dezember wieder ein kirchliches Oberhaupt, einen Patriarchen, erhalten. Sahag (d.h. Isaak) Maschalian ist der 85. Inhaber dieses 1461 von Sultan Mehmet II. für die Armenier des Osmanischen Reiches geschaffenen Amtes. Sahag II. wird es am 11. Januar offiziell antreten. Seine Pläne hat er aber schon jetzt vor Weihnachten vorgestellt.

Erster Diener Gottes

Wie Istanbuls armenische Wochenzeitung «Agos» (Die Furche) berichtet, versteht sich der 57-jährige Sahag bei seiner neuen Aufgabe als «ersten Diener Gottes und des christlichen Volkes». Die stark von festgefahrenen Überlieferungen geprägte armenische Kirche müsse «reformiert werden». Er betrachte seine Erwählung als ersten Schritt für diese Reformation.

Auf den Spuren von Jesus

Der Weg dazu ist von Jesus vorgezeigt, erklärte der Patriarch dazu, und wörtlich: «Er, der seinen Jüngern demütig die Füsse wusch, hat so gezeigt, wie man ein guter Hirte ist.»

Wer mehr aus dem Leben von Maschalian kennt, weiss auch, dass das keine leeren Worte sind. Sahag ist nicht in einem der traditionell armenischen Viertel von Istanbul aufgewachsen, in Samatya und Ortaköy oder auf der Insel Kinaliada, wo es genug Kirchen und auch christliche Schulen gibt. Von den 49 apostolischen, 6 katholischen und 2 evangelischen Gotteshäusern der Armenier in dem 15-Millionen-Babels steht kein einziges draussen im Vorort Bayrampascha. Doch hatten in dessen Plattenbauten nicht nur albanische und bosnische Muslimmigranten vom Balkan, sondern auch Armenier aus der Osttürkei Zuflucht gefunden, so Maschalians Grossmutter. Sie erinnerte sich noch an die Armeniermassaker im Ersten Weltkrieg. Ihnen war auch ihr damals fünfzehnjähriger Bruder zum Opfer gefallen.

«Ein loyales Volk»

Die Grossmutter erzog ihren Enkel Sahak aber nicht zum Hass auf die Türken. Das fast 1'000-jährige Zusammenleben von Armeniern und türkischen Völkern, Seldschuken und dann Osmanen, war mehrheitlich nicht von Feindschaft und Verfolgungen, sondern durch Einvernehmen und Zusammenarbeit geprägt. Diese Gesinnung bewies der neue Patriarch nun auch mit einer Versöhnungsbotschaft: «Wir bilden mit diesem Land eine Schicksalsgemeinschaft. Wir wollen das sein, was uns die alten osmanischen Autoren genannt haben: 'Millet-i sadiqa – Das loyale Volk.»

Erweckt in einer Pfingstgemeinde

Religiöse Unterweisung konnte der junge Maschalian im radikal islamischen Bayrampascha jedoch nur durch Selbsthilfe finden. Ein Freund besorgte ihm eine Bibel der Türkischen Bibelgesellschaft. Das Wort Gottes wühlte ihn zutiefst auf, doch begann er zunächst Elektrotechnik zu studieren. In der Nähe der Universität stiess er auf eine Pfingstgemeinde, die «Istanbul Nehir Kilise», auf Deutsch die «Fluss-Kirche». Er begeisterte sich so für ihre lebendige Jesus-Nähe, dass er mit 20 Jahren schon predigen durfte.

Schon lange als Evangelist gewirkt

Der damalige Patriarch Schnork Kalustian gestatte ihm das auch bei einem orthodoxen Jugendgottesdienst und überzeugte ihn, sein evangelikales Anliegen in die armenische Grosskirche hineinzutragen. Vor allem unter jenen Armeniern aus der einstigen Sowjetunion, die heute in Istanbul Arbeit suchen oder sich aus den Katakomben eines Geheimchristentums in der Osttürkei wagen. Bei ihrer Neuevangelisation hat Maschalian schon mehr als 30 Jahre im Stillen als Pfarrer und Bischof gewirkt. Jetzt ist er als Patriarch gerufen, seine evangelischen Grundlagen offen in die Tat umzusetzen.

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Datum: 18.12.2019
Autor: Heinz Gstrein
Quelle: Livenet

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