Konfliktbewältigung

«Der Mensch heisst Mensch, weil…»

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Konflikte markieren unsere Bedürftigkeit, uns immer wieder neu um ein friedliches Zusammenleben zu bemühen. Die Wege zur Klärung sind vielfältig. Und dennoch gibt es Gemeinsamkeiten.

Bei einer ganzheitlichen Recherche zum Thema Versöhnung treffe ich auch auf das Musikalbum «Mensch» von Sänger Herbert Grönemeyer. Im gleichnamigen Song verarbeitet er den Tod seiner Frau und seines Bruders – unter anderem mit den Worten «...der Mensch heisst Mensch, weil er hofft und liebt, weil er mitfühlt und vergibt». Dieses musikalische Bekenntnis gipfelt geradezu in einem Ideal, welches immer, wenn es geschieht, ein Geschenk ist: Vergebung. Aber es ist nicht nur Geschenk, sondern sollte gezielt angestrebt werden. So verabschiedete die UNO im November 2006 eine Resolution, dass das Jahr 2009 ein «Jahr der Versöhnung» sein sollte. Im entsprechenden Text wurde festgehalten, dass für das Zusammenleben «Vergebung, Wahrheit, Gerechtigkeit und Gnade» nötig seien.

Nicht zufällig finden sich diese Begriffe in der damals von Nicaragua angeregten Resolution, denn der Mennonit John Paul Lederach hatte im dortigen Bürgerkrieg mithilfe des Psalms 85 Friedensgespräche moderiert. Aber dass solche schriftlichen Bekenntnisse allein keine Garantie für Frieden sind, erlebt die Welt bis heute und in neuer Dringlichkeit. Ernsthaftigkeit und Vielfalt in den Bemühungen um Versöhnung sind gefragt. Und letztlich, so glauben wir, göttliche Inspiration!

Annäherung Schritt
 um Schritt


Wenn also ehrlich und authentisch Vergebung gewährt oder empfangen wird, ist ein grosses Ziel erreicht, eine neue Basis geschaffen. Automatisch folgt daraus Versöhnung jedoch nicht. Es braucht Kreativität, mit der Spannung oder dem Konflikt umzugehen, ihn zu bearbeiten und gar zu bewältigen. Ihn auch wirklich zu lösen, wäre das ultimative Ziel.

Schritte der Annäherung auf ein versöhnliches Miteinander hin kommen also unter Umständen vor einer Vergebung. Ein Grund dafür lässt sich in der englischen bzw. französischen Übersetzung des deutschen Wortes Versöhnung ablesen: «Reconciliation» bedeutet wörtlich, wieder oder überhaupt zusammenzukommen und in Dialog zu treten – auf Augenhöhe, um eine vertiefte Beschäftigung mit dem Konfliktthema zu ermöglichen. Eine Begegnung, die im Idealfall eine Beziehung wiederherstellt.

Konfliktvarianten differenzieren


So tragisch gewaltsame Auseinandersetzungen auch sind, so dürfen doch unterschwellige oder eingefrorene Konflikte nicht vergessen werden. Seien es innerseelische, Beziehungs- oder Zielkonflikte etc. – durchwegs lassen sich Eigenschaften beobachten, die ein friedliches Zusammenleben beeinträchtigen oder verunmöglichen: in Traumata, persönlichem Schmerz und Warum-Fragen erstarrt und gefangen sein; Spannungen verleugnen und von Ängsten bedrängt werden; gekränkt sein durch bestimmte Äusserungen; Feindbilder, Vorurteile und ein Weltbild nur in schwarz-weiss malen; fremde Wertmassstäbe ignorieren; Gerüchte verbreiten oder versteckte Absichten verfolgen («hidden agenda»); gemobbt oder verraten werden; tiefes Misstrauen empfinden; das persönliche Gerechtigkeitsempfinden überhöhen und zu subtilen Rachefeldzügen neigen; das Gespräch verweigern.

Solche Elemente können mehr oder weniger stark und somit entscheidend sein, welche bewusste oder unbewusste Lösungsstrategie befolgt wird. Klassisch gesprochen: ob es zur Flucht oder zum Kampf kommt, ob man nachgibt oder eine Drittpartei zur Vermittlung miteinbezieht, ob man verhandelt und sich einigen kann und dabei unbewusste Bewertungen zu überdenken bereit ist.

Es geht um Beziehungen

Sprechen wir von Versöhnung, geht es zunächst darum, Beziehung wieder zu ermöglichen. Dabei ist es vielleicht nicht möglich, einen handfesten Konflikt wirklich zu lösen, aber ihn dennoch konstruktiv zu gestalten – nicht zuletzt in guter Hoffnung auf positive Weiterentwicklung. Vielleicht braucht es dazu die Veränderung bestimmter Lebensbedingungen und Umstände («Strukturveränderung») oder die Betrachtung und Deutung des entsprechenden Konflikts in neuer Art, damit man damit leben könnte («alternativer Deutungsversuch»).

Aufgrund der Auseinandersetzungen und Kriege seit dem 2. Weltkrieg bemüht sich eine grosse Zahl an Forschungen und Initiativen darum, Konflikte besser zu verstehen und zu einem friedlichen Miteinander der Menschen beizutragen. Erfolgsgarantien gibt es keine, egal, in welcher «Küche» Konzepte zur Befriedung ausgearbeitet wurden. Kernwerte und Stichworte solcher Bemühungen sind zum Beispiel die «gewaltfreie Kommunikation», die «Achtsamkeit» oder die «Vergangenheitsarbeit» – die Bereitschaft, sich sowohl mit den Wurzeln als auch mit den Wunden eines Konflikts auseinanderzusetzen.

Tiefe Bedürfnisse wahrnehmen


Solche universell gültigen Aspekte lassen sich erweitern und ganz spezifisch aus christlicher Perspektive vertiefen. Im Zusammenhang mit dem aktuellen Russland-Ukraine-Krieg hat ein kanadischer Konfliktforscher (Vern Neufeld Redekop, ukrainischer und mennonitischer Herkunft) Eigenschaften zusammengetragen, die man als Gemeinsamkeiten vieler, vielleicht aller Versöhnungsbemühungen verstehen könnte – sei es auf persönlicher, gesellschaftlicher oder politischer Ebene. Es sind dies letztlich nicht verhandelbare und ebenso emotionale Aspekte, die für die Identität eines Menschen, ganzer Gruppen, Ethnien oder Nationen massgeblich sind: Menschen wollen sich zugehörig fühlen, sich in Sicherheit wähnen, in ihrer Identität anerkannt werden, selbstbestimmt aktiv sein können und ihr Leben als sinnvoll erleben. Dies sind nur ein paar Worte, aber würden sie konsequent angewendet, sähe die Welt anders aus.

Christen können zudem unter anderem auf eine Beauftragung durch Paulus zurückgreifen, sich für Versöhnung einzusetzen (vgl. 2. Korinther, Kapitel 5, Verse 18-20). Das dort verwendete Wort «katalasso» ist der griechischen Verhandlungssprache entlehnt und bringt zum Ausdruck, in die Haut des Kontrahenten zu schlüpfen, um diesen besser zu verstehen und damit Entfremdung zu überwinden (vgl. Reimer, Johannes: Wo Versöhnung zu Hause ist – Gemeinde als Versöhnungszentrum. Werdewelt Verlags- und Medienhaus, 2020). Darum geht es immer wieder: Brücken zu bauen, um Begegnungen mit Respekt und Wertschätzung zu ermöglichen – sowohl um Vergangenheit zu bereinigen, als auch um Zukunft in den Blick zu nehmen. Nehmen wir dies als Einladung Jesu in der Bergpredigt, Frieden stiftend unterwegs zu sein!

Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin SEA Fokus

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Datum: 23.12.2022
Autor: Tom Sommer
Quelle: SEA Fokus

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