Impulse von Luther

Von der Freiheit eines Christenmenschen

Am Anfang der Reformation standen die bekannten 95 Thesen Luthers. Doch die Auswirkungen seiner drei Jahre danach erschienenen Denkschrift «Von der Freyheith eines Christenmenschen» waren wahrscheinlich noch bedeutender, sicher aber wesentlich konkreter. Sie enthält viele Gedanken, die bis heute Sprengkraft besitzen – auf der anderen Seite hat Luther sie auf eine Art und Weise begrenzt, die ihr schon zur Reformationszeit nicht gerecht wurde.

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Martin Luthers Thesenanschlag im Film «Luther»
«Von der Freiheit eines Christenmenschen» gehört zu den frühen Hauptschriften des Reformators. In 30 Thesen entfaltete er darin den Ewigkeitsaspekt von Freiheit und zeigte gleichzeitig, dass diese Freiheit auch im Hier und Jetzt Auswirkungen haben musste. Einen gesellschaftlichen Auftrag leugnete Luther allerdings. Hier dachten viele seiner Zeitgenossen bereits weiter als der Reformator selbst.

Ewige Freiheit – das Ziel im Blick

Freiheit ist eines der zentralen Themen in der Werbung. Ob eine Kreditkartengesellschaft damit unterstreichen will: «Die Freiheit nehm' ich mir …», eine Zigarettenmarke damit warb: «Der Geschmack von Freiheit und Abenteuer» oder die deutsche Hauptstadt aktuell eine Kampagne durchführt: «Berlin – Hauptstadt der Freiheit». Diesen Stellenwert kann die Werbeindustrie natürlich nur nutzen, weil der Begriff Freiheit ihn längst in sich trägt. Freiheit ist so etwas wie ein kollektiver Menschheitstraum. Sei es die Sehnsucht nach eigenen Entscheidungen oder das kleinkindhafte «Ich kann es alleine», das uns in anderer Ausprägung durchs ganze Leben hindurch begleitet.

In seinen Thesen geht Luther auf diese Freiheit ein. Und er klärt darin, dass er mehr als Jenseitsvertröstung im Blick hat, auch wenn es ihm um «ewige» Freiheit geht. Luther reibt sich stärker an anderen Aspekten der Freiheit: zum Beispiel an dem Paradoxon, dass Freiheit für ihn nur in der Bindung an Gott zu erhalten ist. Und ganz deutlich unterstreicht der Reformator ausserdem, dass sie mehr ist als ein kollektiver Menschheitstraum: Sie ist ein biblisches Versprechen. Ohne ewige Freiheit wäre Erlösung nicht vollständig. Denn schon Paulus betont: «Die ganze Schöpfung hofft auf den Tag, an dem sie von Tod und Vergänglichkeit befreit wird zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes» (Römerbrief, Kapitel 8, Vers 20-21).

Wer jetzt allerdings Erlösung und ewige Freiheit als «Fahrschein in den Himmel» sieht, der hat Luther falsch verstanden.

Freiheit hier und heute – das Leben im Blick

Trotz seiner Ewigkeitsperspektive ist Freiheit für Luther kein jenseitiger Begriff. Der Bibelübersetzer hat sicher noch im Ohr, dass das Volk Israel seine Gründung aus einer einzigartigen Befreiungsaktion herleitet: Gott selbst lässt sie durch das Rote Meer fliehen. Der Exodus – nachdem das zweite Mosebuch benannt ist – wird zur staatsgründenden Geschichte, gerade weil er von einer Rettung im Hier und Jetzt handelt. Doch Luther treibt schon ganz zu Beginn seiner Schrift die Polarisierung auf die Spitze: «Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. 
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.» Was bin ich denn nun, möchte man fragen? Frei oder Untertan?

Luther antwortet in seiner Streitschrift: beides! Ich bin frei von der Religiosität, von dem anstrengenden Kampf, um vor Gott gerecht dazustehen. Ich bin frei vom ewigen «nicht genug», weil Christus mich befreit, gerechtfertigt hat. Doch Luther hört an dieser Stelle nicht auf. Paradoxerweise macht mich diese innere Freiheit auch frei zum Dienen. Ich kann mich anderen Menschen unterordnen, um sie zu gewinnen. Ich kann andere höher achten als mich selbst, weil ich selbst von Gott hoch geachtet bin. Wieder und wieder lässt der Reformator Paulus zu Wort kommen, zum Beispiel mit seinem Aufruf an die Galater: «Für die Freiheit hat uns Christus befreit. Sorgt nun dafür, dass ihr frei bleibt und lasst euch nicht wieder unter das Gesetz versklaven» (Kapitel 5, Vers 1).

Doch an dieser Stelle ist Luther hinter seinen eigenen Ideen zurückgeblieben. Gesellschaftliche Auswirkungen sieht er hier nämlich nicht.

Auftrag Freiheit – den anderen im Blick

Und Generationen von evangelischen Christen folgen ihrem grossen Reformator darin. Der Pietismus legt sein Hauptaugenmerk auf die persönliche Herzensfrömmigkeit. Die «verlorene» Gesellschaft wird weitgehend ignoriert. Freiheit wird so zur Freiheit des Einzelnen, zu einem individuellen Glaubenswert. Im Zweifelsfall findet sie daher im Rückzug in eine gewisse Innerlichkeit statt. Viele Theologen haben dies über die Jahre hinweg kritisiert. Karl Barth etwa ereiferte sich: «Die christliche Gemeinde soll lieber dreimal zu viel für die Schwachen eintreten als einmal zu wenig, lieber unangenehm laut ihre Stimme erheben, wo Recht und Freiheit gefährdet sind, als etwa angenehm leise!»

Die Bibel unterstützt dieses Ansinnen. So betont Jesaja die Befreiung durch Gott, die Jesus Christus später auf seine Person beziehen wird: «Der Geist Gottes, des Herrn, ruht auf mir, denn der Herr hat mich gesalbt, um den Armen eine gute Botschaft zu verkünden. Er hat mich gesandt, um die zu heilen, die ein gebrochenes Herz haben und zu verkündigen, dass die Gefangenen freigelassen und die Gefesselten befreit werden» (Jesaja, Kapitel 61, Vers 1). Natürlich hat dieser Abschnitt auch eine innere, eine geistliche Komponente, doch man muss dem Text schon Gewalt antun, um ihn ausschliesslich zu vergeistlichen.

Spannenderweise verstehen viele Bauern zu Luthers Zeit die «Freiheit eines Christenmenschen» besser als er selbst. Sie realisieren schnell, dass Freiheit Gottes und Leibeigenschaft nicht zusammenpassen … Es kommt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, zur Fortsetzung der sogenannten Bauernkriege. Doch das Anliegen der Bauern ist nicht nur legitim, es lässt sich aus der Bibel und aus Luthers Thesen voll begründen. Und glücklicherweise hat christliche Freiheit nicht ausschliesslich den Rückzug ins Innerliche gesucht, sondern immer wieder Gesellschaft geprägt und verändert: durch Schulpflicht, Stärkung der Frauenrechte, Abschaffung der Sklaverei … Freiheit beginnt beim Einzelnen, aber sie darf nicht dort bleiben.

Luthers «Von der Freiheit eines Christenmenschen» ist seiner Zeit weit voraus. Gleichzeitig steckt es fest in den gesellschaftlichen Konventionen der beginnenden Neuzeit. Manches sehen wir aus heutiger Perspektive sicher klarer, doch immer noch bleibt es ein Kunststück, die geistliche und die gesellschaftliche Komponente der Freiheit nicht gegeneinander auszuspielen. Immer noch ist es herausfordernd, ihre jetzigen und ihre ewigen Aspekte nicht einseitig zu betonen. Doch die Freiheit ist diese Auseinandersetzung wert. «Nur dann, wenn der Sohn euch frei macht, seid ihr wirklich frei» (Johannes Kapitel 8 Vers 36).

Zur Webseite:
«Von der Freiheit eines Christenmenschen» online

Zum Thema:
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Datum: 23.04.2017
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet

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