Ist die Auferstehung ein historisches Ereignis?

Was sollen wir von der Auferstehung von Jesus halten? Kann man sie als historisches Ereignis bezeichnen? Sehr wohl, wie ein Fachvortrag in Zürich zeigte.

Der Marburger Historiker und Ägyptologe Dr. Jürgen Spiess referierte am Mittwoch, 3. April, in der Aula der Universität. Er machte eingangs deutlich, dass die Auferstehung von Jesus für den christlichen Glauben zentral ist. Die ersten Christen hätten nicht zu einem neuen Lebensstil aufgerufen, sagte Spiess, sondern vor allem die Auferstehung von Jesus bezeugt. „Der christliche Glaube ist elementar interessiert an den geschichtlichen Fragen.“

Plausible Zeugen

Historiker haben ein anderes Wirklichkeitsverständnis als Naturwissenschaftler. Während die Physik auf Wiederholbares ausgerichtet ist und Wunder ihr angesichts der Naturgesetze als extrem unwahrscheinliche Ereignisse gelten, fragt der Historiker nach der Plausibilität eines Ereignisses. Entscheidend ist die Frage: Ist der Zeuge, der Wunder überliefert, glaubwürdig? Historiker wüssten, dass unwahrscheinliche Dinge geschehen, sagte Spiess; sie studierten die Quellen und forschten wie Juristen nach Indizien.

Das Neue Testament die wichtigste Quelle

Für Wissenschaftler (nicht für gewisse Romanciers) ist das Neue Testament unbestreitbar die wichtigste Quelle über Jesus. „Seine Texte sind am nächsten dran.“ Der römische Historiker Tacitus, der erst nach 100 schrieb und nichts auf Christen gab, erwähnt die Kreuzigung von Jesus unter Pilatus. Die vier Evangelien wurden möglicherweise in der Zeitspanne 40-65 n.Chr. geschrieben, nahe an den Ereignissen, die nach der wahrscheinlichsten Chronologie im April des Jahres 30 in der Kreuzigung von Jesus kulminierten.

Weil sie von Aposteln oder ihren Mitarbeitern stammten, galten die vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) laut Spiess schon in der Mitte des 2. Jahrhunderts als kanonisch, als Heilige Schrift. Dies im Gegensatz zu zahlreichen gnostischen und spekulativen Schriften, die erst damals oder noch später verfasst wurden. Diese können, obwohl als Evangelien bezeichnet, keinen Anspruch auf Historizität erheben; sie wurden nicht von den Aposteln Jesu verfasst, deren Namen sie tragen.

Evangelien viel besser überliefert als Platon

Die vier Evangelien sind im Vergleich mit allen antiken Schriften sehr gut überliefert: Während bei den Schriften Platons 1300 Jahre zwischen der Abfassung und dem ältesten erhaltenen Manuskript liegen, datiert das älteste gefundene Bruchstück des Johannes-Evangeliums von 120/130 – nur wenige Jahrzehnte, möglicherweise bloss 30 Jahre nach der Abfassung des Werks. Dass die Verfasser der vier biblischen Evangelien historisch ernst genommen werden wollten, zeigt sich besonders in den einleitenden Sätzen des Lukas-Evangeliums (1,1-4). Spiess: „Lukas arbeitete wie ein antiker Historiker. Als sein Evangelium erschien, lebten die Augenzeugen noch.“

Auf der Grundlage der historischen Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments prüft der Historiker die Indizien, die für eine leibliche Auferstehung sprechen. Spiess teilte die Indizien in drei Gruppen:

1. Das Grab von Jesus von Nazareth war am dritten Tag leer.

Dies wurde, so Spiess, in der Antike nicht bestritten. Drei Personengruppen bezeugten es: römische Soldaten, Anhängerinnen und Jünger von Jesus. Der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide bezeichnete es als Phänomen, dass Frauen sowohl erste Zeugen des leeren Grabs und wie auch des Auferstandenen wurden, denn ihr Zeugnis galt in der damaligen Gesellschaft nichts! Hätten die ersten Christen plausible Gründe für die Auferstehung erfinden müssen, wären sie nicht darauf verfallen, Frauen als Zeugen anzuführen.

Der Marburger Althistoriker verwies darauf, dass schon in der Antike die Frage im Mittelpunkt stand, wie das Grab leer geworden war. „Dies zeigt, dass es auch für Gegner um eine leibliche Auferstehung ging.“ Bemerkenswert ist weiter, dass das Geschehen keinen Osterjubel auslöste. Die Evangelien reden von Furcht und Entsetzen am Ostermorgen und von Zweifeln am Nachmittag. Spiess sagte, wie die gläubigen Juden ihrer Zeit hätten die Jünger eine allgemeine Auferstehung am Ende der Zeit erwartet, aber nicht damit gerechnet, dass Jesus „als der Erstgeborene einer neuen Schöpfung, der neuen Welt Gottes“ einzeln auferstehen würde.

Spiess äusserte, das leere Grab an sich habe keinen Glauben an den Auferstandenen hervorgerufen – „es war eine Voraussetzung dafür, aber nicht hinreichend“. Auffällig waren die Leinentücher und das zusammengefaltete Schweisstuch, welche im leeren Grab zurückblieben, ein Indiz dafür, dass der Leichnam nicht geraubt worden war.

Die zuletzt von Gerd Lüdemann ins Feld geführte Behauptung, der Apostel Paulus habe nichts vom leeren Grab gewusst, da er es in seiner Liste der Auferstehungszeugen (1. Korintherbrief 15,5-8) nicht erwähne, bezeichnete Spiess als nicht stichhaltig. Die Nicht-Erwähnung sei kein Beweis; Paulus könne sehr wohl davon gewusst haben. Kurz: „Historiker gehen mehr und mehr davon aus: Das Grab muss leer gewesen sein“ – sonst hätte man die Verkündigung der Auferstehung durch die ersten Christen leicht als Lüge entlarvt.

2. Viele Personen hatten Begegnungen mit dem Auferstandenen, an verschiedenen Orten und in einer begrenzten Zeit.

Die meisten von Paulus genannten Zeugen (einmal 500) lebten noch, als er sie in seiner Liste im Brief an die Christen in Korinth aufführte (um 55 geschrieben). Spiess bezeichnete den Bericht von der Himmelfahrt von Jesus als Abschluss der Begegnungen: Das irdische Leben endete in der Himmelfahrt – nicht im Grab!

3. Wenige Wochen nach Ostern wurde die Auferstehung dynamisch verkündigt, wodurch eine neue Gemeinschaft entstand.

Dafür, dass die Auferstehung nicht bloss Einbildung war, spricht laut Jürgen Spiess auch die dynamische Verkündigung und die neue Form der Gemeinschaft, die sich wenige Wochen nach der Auferstehung bildete. „Etwas Revolutionäres muss geschehen sein.“ Der jüdische Forscher Pinchas Lapide bemerkte, wenn die „geschlagene und zermürbte Jüngerschar“ ihre Nacht aus eigener Kraft in eine siegreiche Proklamation von Jesu Sieg über den Tod hätte verwandeln können, wäre dies ein grösseres Wunder als die Auferstehung selbst. Mit anderen Worten: Die nachösterliche Verwandlung der Jünger bedarf eines konkreten Grundes.

Nach der Apostelgeschichte des Lukas haben sich innerhalb weniger Monate Tausende von Menschen der neuen Bewegung angeschlossen, obwohl sie mit einem Teil ihrer jüdischen Tradition brachen und dies ihnen zum Schaden gereichte. Bald wurden sie ausgegrenzt und verfolgt (Apostelgeschichte 2-5). Die Behauptung, in der Antike seien die Menschen, was Auferstehung betrifft, leichtgläubiger gewesen, wies Jürgen Spiess ab. Die Reaktionen auf den Vortrag von Paulus in Athen zeigten, dass die Botschaft meist Skepsis und Spott hervorrief – sie war eine echte Provokation (Apostelgeschichte 17).

Verschiedene Erfahrungen von einem Ereignis

Der Referent ging nach seinem Vortrag auf Fragen der Zuhörenden ein. Dabei unterstrich er nochmals die Kluft zwischen den vier Evangelien der Bibel und späteren gnostischen Schriften; diese seien historisch nicht plausibel.

Die Osterberichte der vier Evangelien weisen nicht leicht zu harmonisierende Unterschiede auf; manche Theologen reden von Widersprüchen. Jürgen Spiess verwies auf die erstaunliche Vielfalt und Unvollständigkeit von Zeugenwahrnehmungen bei Verkehrsunfällen. Für Historiker sei es sachgerecht, vermeintliche Widersprüche zwischen Aussagen aufgrund ihrer Unvollständigkeit stehen zu lassen.

Das Ostern-Magazin von Jesus.ch: www.jesus.ch/ostern


Autor: Peter Schmid
Quelle: Jesus.ch

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