Gottesmutter oder normaler Mensch?

Maria – Gesegnete unter den Frauen

An Maria scheiden sich die Geister. Die einen verehren sie als Gottesmutter. Die anderen betonen ihre menschliche Seite. Wie kam es dazu, dass die Mutter von Jesus die Christenheit so polarisiert? Und wie lässt sie sich abseits von Schubladendenken als Person verstehen? 

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Krippenspiel mit Maria, Joseph und Jesus
Der erste Schritt bei der Begegnung mit dieser besonderen Frau ist es sicher zuzulassen, dass sie anders sein kann als ihr Klischee. Wer Maria nur vor seinen theologischen Karren spannen möchte, der verliert eine faszinierende Frau aus dem Blick. Darauf weist auch Telford Work hin. Der US-Theologe beschrieb sie in einem Artikel in Christianity Today als umstrittene und besondere Person.

Die evangelische Maria

In der protestantischen Tradition ist Maria eine bescheidene junge Frau. Eines Tages erhält sie den ungewöhnlichen Besuch eines Engels, der ihr verkündet, sie werde die Mutter für den Sohn Gottes sein. All dies würde auf übernatürliche Weise geschehen. Maria glaubt ihm und wird die Mutter von Jesus. Sie erlebt Gottes Bewahrung, wird immer wieder von Gott überrascht, bleibt aber immer in der Nähe von Jesus. Das Neue Testament sagt längst nicht so viel über sie wie über die prominenteren Jünger, trotzdem ist sie immer noch eine beliebte Figur der Weihnachtsgeschichte. Die «evangelische» Maria lässt nur wenig Raum für Spekulationen. Im Gegensatz zu anderen biblischen Personen, deren Leben stark ausgemalt wird, wird sie meist auf den Wortlaut der wenigen Bibelverse reduziert, die von ihr berichten. 

Die katholische Maria

Im Gegensatz dazu erscheint die Maria der katholischen und orthodoxen Tradition geradezu überlebensgross. Sie wird als heiliges Kind frommer Eltern in die israelische Königsfamilie hineingeboren. Sie ist in besonderer Weise von Gottes Gnade erfüllt. Sie ist und bleibt Jungfrau und widmet sich ausschliesslich der Mission ihres Sohnes. Nach ihrer Himmelfahrt tritt sie als Fürsprecherin für die Christen ein. Fraglos ist sie die wichtigste Akteurin der christlichen Kirche.

Ein Grossteil dieser Informationen kommt nicht aus der Bibel, sondern aus traditionellen Überlieferungen. Doch wo die Person der Maria in diesem «katholischen» Kontext gross und vielleicht zu gross dargestellt wird, verkleinert sie die andere Darstellung deutlich. Klar scheint: Sie passt in keine der beiden Schubladen.

Widersprüchliche Maria

Viele Protestanten haben Schwierigkeiten mit Marias Vorrangstellung. Doch tatsächlich begrüsst Gottes Engel sie mit: «Sei gegrüßt, du Begnadigte! Der Herr ist mit dir du Gesegnete unter den Frauen!» (Lukas, Kapitel 1, Vers 28). Und ihre Tante betont: «Gesegnet bist du unter den Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes!» (Lukas, Kapitel 1, Vers 42). Von allen Frauen, die Lukas und seine Mit-Evangelisten hervorheben, steht sie als «Jungfrau Maria» an erster Stelle. 

Gleichzeitig wird Maria menschlicher dargestellt als viele Katholiken wahrhaben wollen. Sie hielt Jesus für verrückt (Markus, Kapitel 3, Vers 21-32). Und er betonte, dass es eher darum geht zu glauben, als zur Familie zu gehören (Markus, Kapitel 3, Vers 33-35).

Allerdings ist Maria die erste Person, die die gute Nachricht vom Messias hört und glaubt. Sie ist so etwas wie die erste Christin und lässt sich auf Gottes besondere Führung ein: «Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort!» (Lukas, Kapitel 1, Vers 38). Damit steht sie in deutlichem Kontrast zu all denjenigen, die die Botschaft von Jesus hören, ihn aber letztlich nicht akzeptieren.

Maria für alle

Als Maria Elisabeth besucht, brechen einige der bekanntesten Zeilen der Bibel (Lukas, Kapitel 1, Verse 46-55) aus ihr heraus: das Magnificat. Dabei stellt sich die junge Frau zunächst einen kriegerischen Retter vor, der sie und ihr Volk von der Vorherrschaft der Römer befreit. Doch als sich der Dienst von Jesus immer weiter entfaltet, bleibt sie trotzdem an seiner Seite. Was sie dabei sagt, zeugt von Überraschung, Ehrerbietung und Schock. Am Schluss zeigt Lukas sie nach der Auferstehung von Jesus im Gebet mit den anderen Jüngern (Apostelgeschichte, Kapitel 1, Vers 14). Sie bleibt Gott treu, ist aber nicht mehr so hitzköpfig wie am Anfang. Sie realisiert, dass Gott seine Verheissungen anders einlösen wird, als sie zunächst gedacht hat. 

Maria ist und bleibt einzigartig. Nur sie ist die Mutter von Jesus und damit das, was die Kirche später «Gottesmutter» nennen wird. Charles Wesley drückte es so aus, dass Jesus «von seiner Kreatur geboren und von ihr bemuttert» wurde. In einzigartiger Weise ist sie für den Retter verantwortlich, von dem ihre eigene Erlösung abhängt. 

Jesus hat eine einzigartige emotionale Bindung an seine Mutter. Das bedeutet aber nicht, dass er andere weniger liebt. Am Kreuz vereint Jesus sogar Maria und seinen «geliebten» Jünger: «Frau, siehe, dein Sohn!», sagt er zu ihr und: «Siehe, deine Mutter!» zu Johannes (Johannes, Kapitel 19, Vers 26-27). 

Maria – jenseits von Schubladendenken

Die «evangelische» Maria ist uns sehr ähnlich. Als treue Jüdin tritt sie zur Seite, während sich der Dienst von Jesus entfaltet. Und die Bibel zeigt uns kaum mehr als die frühen Stadien ihrer Entwicklung. Protestanten behandeln Maria als frühe Empfängerin der verwandelnden Gnade Gottes. Alles andere sehen sie als übertrieben an.

Die «katholische» Maria beschreibt, wie Christen letztlich aussehen werden: kraftvoll, herrlich, Gott ähnlich und ohne Sünde.

Katholiken und Orthodoxe sehen Maria als frühe Empfängerin von Heiligung und Verherrlichung. Dementsprechend sehen sie die «evangelische« Maria als eine tragisch verkümmerte Figur, als «zu wenig». Protestanten sehen Maria dagegen als bloßen Menschen. Sie ist keiner Anbetung würdig, hat aber eine besondere Nähe zu Jesus.

Tatsächlich ist Maria wohl gleichzeitig mehr und weniger, als Christen von ihr erwarten. Die fehlerlose Heilige ist sie wohl nicht. Das völlig normale Mädchen von nebenan auch nicht. Aber sie ist die Mutter von Jesus, der der Christus oder Erlöser ist. Und jenseits aller theologischen Schubladen ist sie ein besonderer Mensch, den Gott gebraucht hat. 

Zum Thema:
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Datum: 21.12.2018
Autor: Hauke Burgarth
Quelle: Livenet / Telford Work / Christianity Today

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