Adventszeit

Einmal still werden – ohne Handy!

Wer zur Ruhe kommen will, muss sich dafür entscheiden. Und auf das Handy verzichten. Das betonen Christoph und Karin Erb, Leiter des Hauses zur Stille und Einkehr Wildberg. Gerade im Advent lohne es sich, aus der Hektik auszubrechen. 

Zoom
Christoph und Karin Erb
Angenommen, ich bin ein Manager mit einem 16-Stunden-Tag und fühle mich kurz vor Weihnachten völlig ausgebrannt. Wie können Sie mir auf dem Wildberg helfen?
Karin Erb: Sie müssen bereit sein, in die Stille zu kommen. Wir können Ihnen ein Zimmer anbieten, und dann bestimmen Sie selber, wie Sie zur Ruhe kommen wollen. Sie können die drei Tagzeiten-Gebete der Kommunität besuchen, zusammen mit uns essen und vielleicht auch ein Kursangebot nutzen, um sich auf Weihnachten einzustimmen. Und sie sollten den Alltag bewusst zurücklassen.

Warum kommt heute der Mensch, nicht nur der Manager, kaum mehr zur Ruhe?
Christoph Erb: Es ist zuerst ein Willensakt, wenn man zur Ruhe kommen will. Ganz bewusst muss ich in meiner Agenda einen Strich ziehen und mich von äusserem und innerem Leistungsdruck lösen. Dieser Willensakt fällt den meisten Menschen nicht leicht. Sie sind vom Alltag gefangen und versuchen einfach zu funktionieren, solange es nur geht.

Wie wirkt sich die pausenlose Betriebsamkeit und Hektik auf unsere Gesellschaft aus?
Karin: Viele Menschen erleben die Arbeit und auch die Freizeit nur noch als ein Müssen: Ich muss, ich muss ... Die Seele kommt zu kurz. Auch der Körper reagiert und kann plötzlich einen Zusammenbruch erleiden.
Christoph: Das hat auch mit den Werten unserer Gesellschaft zu tun. Heute ist die erste Frage meist: Was für einen Job hast du? Was machst du? Erwartet wird, dass ich erfolgreich bin. Ich muss brillieren, damit ich gesellschaftlich akzeptiert bin. Damit lasse ich mich in ein Hamsterrad drängen. In diesem Hamsterrad habe ich nur Erfolg, wenn ich weiterlaufe. Wenn ich aussteige, bin ich ein Nobody. Wer will das schon sein? Man sieht den Menschen nicht mehr als Menschen, sondern als Leistungserbringer.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie vom Selbstmord eines Swisscom-Chefs oder eines Bankmanagers lesen?
Karin: Ich denke: Schade, dass sie die Stille nicht gekannt haben. Wir kennen jemanden, der befreundet war mit dem Swisscom-Chef. Er war ein grosser Menschenfreund, doch er hat die richtige Balance nicht gefunden und es auch nicht verstanden, zu sich selber zu schauen.
Christoph:
Ein Freund hätte ihn fragen müssen: «Merkst du eigentlich, wie es dir geht? Wäre es nicht an der Zeit, dass du einmal zu dir schaust?» Viele Leute in der Wirtschaft haben nur Freunde, die sie nach ihren Erfolgen fragen.

Was muss ich hinter mir lassen, um zur Stille zu finden?
Christoph: Ich muss bereit sein, all das, was mich «taktet», zurückzulassen. Das kann nur schon heissen, das Natel abzustellen und für einmal nicht online zu sein. Ich muss mich entscheiden, gewisse Sachen für ein paar Tage unerledigt zu lassen.

Gibt es auf dem Wildberg ein Handy-Verbot?
Christoph: Es gibt kein Handy-Verbot und kein PC-Verbot! Wir haben sogar Wireless eingerichtet. Unsere Gäste sollen sich selber bewusst dazu entscheiden, in die Stille zu kommen. Doch wenn ein Gast sehr gestresst wirkt, fragen wir ihn gerne, ob er das Natel abgeben möchte.

Wie viele Tage sollte der innerlich sehr unruhige Gast auf dem Wildberg verbringen, um den Segen der Stille gewinnen zu können?
Karin: Das hängt vom einzelnen Gast ab. Wenn man Angst hat vor der Stille und nur mit grosser Skepsis zu uns kommt, empfehlen wir, einmal einen Tag bei uns zu verbringen. Wer diesen Tag gut erlebt, macht dann vielleicht ein Wochenende daraus. Einige Gäste kommen einmal im Jahr eine ganze Woche. In die Stille kommen heisst ja nicht unbedingt, dass man nicht mehr reden darf. Es gibt Kursangebote, bei denen wirklich 24 Stunden geschwiegen wird. Viele Gäste nutzen aber auch die Möglichkeit zum beratenden Gespräch. Schnuppern - Freude an der Stille bekommen - eine Regelmässigkeit einbauen: So stimmt es für viele unserer Gäste.
Christoph
: Entscheidend ist auch, mit welcher Gesinnung ein Gast in die Stille kommt. Wer mit einer langen To-do-Liste kommt, wird Mühe haben, die Stille zu finden. Das Geheimnis der Stille liegt im Loslassen. Nur so kann etwas passieren. Die Stille hat einen Gastgeber: Jesus. Und dieser Gastgeber sagt einfach: «Sei jetzt einmal ganz bei mir. Ich will dir helfen.» So kann ich zu einem neuen, tiefen inneren Frieden kommen.

Dies ist ein Auszug aus einem Interview, das im Magazin idea Spektrum erschienen ist. Das ausführliche Interview können Sie in der Ausgabe Nr. 48-2016 lesen.

Zum Thema:
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Datum: 03.12.2016
Autor: Andrea Vonlanthen
Quelle: ideaSpektrum Schweiz

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