Im Schatten des Jubiläums

Schriftsteller, Jounalisten und Kabarettisten über Glaube und Moral

Die Jubiläumsfeiern zum 500-jährigen Gedenken des Thesenanschlags von Martin Luther wecken zahlreiche Geister, sich mit Grundsatzfragen um Glauben, christliche Länder, Moral und Ethik zu beschäftigen. Da liest man Erstaunliches.

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Joseph Fiennes als Martin Luther im Film «Luther» (2003)
Etwas Besonderes hat sich «Die Zeit» einfallen lassen. In ihrer neuesten Ausgabe lässt sie unter dem Titel «Was ist heute christlich?» 95 Autoren – Theologen, Politiker, Dichter, Kabarettisten, Wirtschaftsbosse und Journalisten mit einem Statement zu Wort kommen. Die Redaktion fragte sie: Was ist für Sie der Kern des Glaubens. Die Antworten sind so tiefgründig, nachdenklich, originell oder witzig wie der Kreis der Autoren. Da schreibt zum Beispiel der Kabarettist Gerhard Pohl: «Der Schatz der Kirche sind nicht die Kirchensteuerzahler, sondern die, die von Herzen geben.» Ebenso kurz der epd-Chefredaktor Thomas Schiller: «Christsein in dieser friedlosen Welt heisst: Sagen, was ist, damit es nicht so bleibt.» Noch kürzer bringt es die Zeit-Redaktorin Elisabeth von Thadden auf den Punkt: «Der Finsternis das vorletzte Wort lassen.» Oder Karin Heumann, Vorstandsmitglied der Agentur thjnk: «'wir schaffen das' ist für mich Christentum, verdichtet in drei Worten.» Die 95 modernen Thesen sind eine Trouvaille, auch wenn es da und dort stark, aber nicht nur, nach Moral tönt.

Das Rauchverbot anstelle des Kreuzes

Neu vom Glauben inspiriert nach schwerer Krebserkrankung, die er überstanden hat, äusserte sich der Schriftsteller Thomas Hürlimann, zuerst mit einem Artikel in «Die Zeit» und dann in einem Interview mit dem Tages-Anzeiger. Durch seine Krankheit hat er neu den Glauben in seiner Tiefe entdeckt, was ihm auch kritische Wort zur Rolle von Religion und Moral in unserer Gesellschaft entlockt. «Wo früher das Kreuz hing, hängt heute das Rauchverbot», schrieb Hürlimann in seinem Essay. Er äussert sich prägnant kritisch gegen die Entsakralisierung der Gesellschaft, den Versuch der Theologen, sich vom Glauben an Gott zu dispensieren und gegen die neuen Dogmen. «Erstes Gebot: Du sollst den Abfall trennen! Zweites Gebot: Du sollst dich vegan ernähren! Drittes Gebot: Du sollst alles durchgendern! Viertes Gebot: Du sollst so tolerant sein wie Globi im neuesten Globi-Buch!»

Political Correctness als Ersatzreligion

Trotz aller Bemühungen der Kirchen seien wir nicht zu Agnostkern geworden, sondern «zu einer Sekte, die sich selbst überwacht und terrorisiert», kritisiert Hürlimann. Die Political Correctness sei zur Ersatzreligion geworden. Das Geheimnis des Glaubens sei dagegen «abgesoffen». Im Interview wird er sehr deutlich: «Die Kreuzverächter meinen, das Kreuz mit seinem blutigen Geschehen mache uns Angst. Gerade das Gegenteil ist der Fall. Der Gott am Kreuz versteht meine Ängste, begleitet mich, teilt mein Leid.» Heute seien aber die Kirchen nicht mehr in der Lage, solche Themen zu berühren. «Deshalb tut es die Literatur.».

Köppel als moderner Zwingli?

Dass er mit seiner Polemik gegen Moralisms und Political Correctness auch von der Weltwoche eine Referenz erhält, wird ihn vielleicht nicht freuen. Im SVP-nahen Blatt vergleicht der Chefredaktor und Nationalrat Roger Köppel die Macht der römischen Kirche vor der Reformation mit dem heutigen Diktat von EU und supranationalen politischen Organisationen. In die Nähe der damaligen Reformatoren rückt er zornige Redner mit wilden Haaren, die gegen die politischen Eliten und Strukturen aufbegehren: Donald Trump, Geert Wilders und Marine Le Pen. Verschont werden von ihm hingegen die modernen Finanzindustriellen und internationalen Konzerne, Feindbild der Linken. «Doch nun kommen die Fehlkonstrukte» ins Wanken. «Auch wenn sich der moderne Klerus an seine Pfründe klammert». – Sieht sich der Vordenker der SVP als Zwingli des 21. Jahrhunderts?

Die Schweiz – ein christliches Land?

Die Frage, wie weit die Schweiz ein christliches Land sei, hat die Arena beschäftigt. CVP-Präsident Gerhard Pfister, der sich dabei für diese Sicht einsetzte, bekommt im Tagi vom Theologen Michael Meier sein Fett weg. Für ihn ist die Schweiz kein christliches Land. Die modernen Werte der Schweiz seien vielmehr Werte der Aufklärung, auch wenn diese auf christlichem Boden entstanden seien. Recht und Rechtsstaat müssten aber vor den religiösen Werten rangieren. Meier räumt ein: Keine Frage, das Christentum ist weit kompatibler mit dem säkularen Staat als der Islam. Und: «Hiesige Muslime müssen mit christlichen Symbolen leben lernen, man darf sie aber nicht auf sie verpflichten.» Aber auch die modernen Säkularisten gibt er zu bedenken, sie müssten die christlichen Symbole akzeptieren, statt die christliche Prägung der Schweiz zu leugnen und die Symbole aus dem öffentlichen Raum entfernen zu wollen.

Zum Thema:
500 Jahre Reformation: «Neues Herz und neuer Geist» zum Jubiläumsjahr
Apostelgeschichte leben: Däne ruft zur «letzten Reformation»
Zum 1. August: Die Schweiz: Ein christliches Land?
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Datum: 01.11.2016
Autor: Fritz Imhof
Quelle: Livenet

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